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Autor: Bernhard Terjung 

(zum Autor siehe Anmerkung von Martina Heckhoff unten)



Abschied von einem treuen Veteranen

Der Anderthalbdecker Nr. 1647 der Wuppertaler Stadtwerke AG   

Mit der Verschrottung des „Blauen Wunders“ bei der ASEAG im Jahre 2009 endet die Geschichte eines etwas ungewöhnlichen Omnibusses. Zugelassen wurde er bei den Wuppertaler Stadtwerken als letzter Wagen einer Serie von 17 Wagen am 10.08.1964. Die wichtigsten technischen Daten:


                                                                                         Typ:        Büssing Präsident Verbund mit Ludewig 1-1/2-Deck-Aufbau
                                                                                         Motor:         U11

                                                                                         Motorleistung: 170 PS
                                                                                         Länge:     12.000 mm
                                                                                         Breite:         2.500 mm
                                                                                         Höhe:         3.750 mm
                                                                                         Radstand:     5.350 + 1.335 mm
                                                                                         Sitzplättze:     48
                                                                                         Stehplätze     112


Eine technische Besonderheit hob den Wagen 1647 aus den ansonsten baugleichen Serienwagen heraus: Alle üblichen Luftdruckantriebe wie z.B. Bremsen, Türantriebe und Scheibenwischer wurden durch vollhydraulische Organe ersetzt. An die Stelle der Luftfederung trat eine Gummi-Torsionsfederung. Man versuchte so, die häufigen Probleme mit gefrierendem Kondenswasser in der kalten Jahreszeit zu umgehen. Besonders im strengen Winter 1962/63 hatte man diesbezüglich schlechte Erfahrungen gemacht. Federführend für diesen Versuch war die Firma ATE (Alfred Tewes).*)

Über die Praxisbewährung liegen mir keine Details vor, aber Tatsache ist, dass der Wagen nachträglich wieder auf die üblichen Drucklufteinrichtungen umgebaut wurde.




Bild 1)     Wagen 1647 nach der Fertigstellung 1964            Aufn.: Gebr. Ludewig

Mit ihren drei Doppeltüren waren die Wagen 1631 – 1647 nach der Ausstattung mit Türautomatik wahlweise als Einmannwagen oder als Schaffnerwagen einsetzbar. Hiervon wurde auch Gebrauch gemacht, denn die Wuppertaler Buslinien wurden in den 1960er Jahren erst nach und nach auf Einmannbetrieb umgestellt. Zunächst fuhren sie auf den Linien 19 (W.-Elberfeld – Essen) und 22 (Elberfeld – Wichlinghausen) als Schaffnerwagen, später auf der Linie 20 (Elberfeld – Ronsdorf) als Einmannwagen. Zuletzt sah man sie 1970/71 auch auf der ehemaligen Obuslinie 16 (Oberbarmen – Beyenburg). Auf diesen Linien lohnte sich der Einsatz der „Raumwunder“, da genügend Fahrgäste eine längere Strecke zurücklegten und somit gern das Obergeschoss aufsuchten. Es war ähnlich, wie auf der Aachener Linie 4 – später 47 nach Merkstein.

Nach nur 7 Betriebsjahren kam das Ende der letzten Wuppertaler Anderthalbdecker; als einer der letzten wurde Wagen 1647 am 01.10.1971 abgemeldet. Ein Privatmann kaufte das ausgemusterte Fahrzeug und baute es in der folgenden Zeit in verschiedenen Schritten zum Wohnmobil um. An die Stelle des 170 PS starken U11-Motors trat ein 320 PS-Motor aus der LKW-Produktion, das Diwabus-Automatikgetriebe wurde durch ein handgeschaltetes Getriebe ersetzt und das Innere vollkommen umgestaltet. Auf den niedrigen Vorderwagen baute der neue Eigentümer eine Sonnenterrasse. In diesem Zustand fotografierte Peter Leimbach 1984 den Wagen auf dem Privatgrundstück am nördlichen Stadtrand von Wuppertal. Nach eigenem Bekunden unternahm der neue Besitzer mit dem Bus Reisen bis nach Spanien!



Bild 2 und 3) ex WSW-Wagen 1647als Wohnmobil 1984        Aufn.: Peter Leimbach

Noch war der Ursprung des Wagens zu dieser Zeit gut erkennbar.

Ich selbst nahm den „1647“ erst im Jahre 2002 wieder in Augenschein. Nach weiteren Umbauten und Neulackierung in Blau erkannte ich ihn zuerst nicht, da die Plattform auf dem Vorderdeck zusätzlich umbaut worden war, was die Kontur eines Doppeldeckers oder Möbelwagens vortäuschte. Der Eigentümer war jetzt bereit, sich von dem Fahrzeug zu trennen, aber es fehlte an Interessenten, die bereit und in der Lage waren, den Oldie zu restaurieren. Kein Wunder, war von dem ursprünglichen Bus extrem viel verändert worden. Zwar existierten unter den Wohn-Einbauten noch immer etliche Details wie Haltewunschknöpfe etc. aber von den drei Doppeltüren war fast nichts mehr übrig, und im Heck klaffte ein Garagentor zur Aufnahme eines Motorrades.


Immerhin durfte ich das „Blaue Wunder“ fotografieren, wie es dort aufgebockt auf dem Hof stand.



Bild 4) ehemaliger WSW-Wagen 1647 im Jahre 2003        Aufn.: Bernhard Terjung

Der Rest ist bekannt. Durch Vermittlung der Verkehrshistorischen Arbeitsgemeinschaft der Wuppertaler Stadtwerke AG konnte der Wagen als Ersatzteilspender an die ASEAG vermittelt und im Sommer 2008 – weitgehend noch mit eigener Kraft – nach Aachen überführt werden, wo er anschließend ausgeschlachtet wurde.

Somit endet nach 45 Jahren die Geschichte eines Büssing/Ludewig-Anderthalbdeckers, der aufgrund seiner ursprünglichen technischen Besonderheiten und seines ungewöhnlichen Werdeganges verdient, nicht ganz vergessen zu werden.



*) Die Zeitschrift „Der Stadtverkehr“ widmete diesem Experiment im Heft 8/1964 einen kurzen Artikel

  Bernhard Terjung



Anmerkung zum Autor von Martina Heckhoff:

Bernhard TERJUNG, Jahrgang 1956, wuchs in Wuppertal auf, lebt und arbeitet heute als Technischer Redakteur in Köln. Seit seiner Jugend verfolgt er mit Interesse das aktuelle und historische Verkehrs-Geschehen in seiner alten Heimatstadt. Bernhard Terjung wurde auf uns aufmerksam, als er von dem Fund unseres „Schätzchen“ erfuhr. Ich bat ihn, uns über die   Geschichte des  Wuppertaler-Veteranen zu schreiben, damit er nicht ganz in Vergessenheit gerät.
Vielen Dank  Bernhard Terjung  für diesen gelungen und lesenswerten Bericht, auch im Namen der ASEAG und des Anderhalbdecker-Teams.   


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