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Ritt auf der Kanonenkugel
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Autor: Rolf Lynen
(zum Autor siehe Anmerkung von Martina Heckhoff unten)

An
einem herrlichen
Oktobermorgen 2007 durfte ich dabei sein, als der
Aachener Anderthalbdecker KOM 197 der ASEAG vom belgischen Namur in
seine alte und neue Heimat überführt wurde.
Aber
der Reihe nach . . .
Nach
den intensiven Bemühungen von Frau Heckhoff, den ehemaligen
Wagen 197 der ASEAG zu finden, mit dem Verkäufer verhandeln zu
lassen und die Arbeit schließlich durch den Abschluss des
Kaufvertrages zu krönen, begaben wir uns also nach Namur.
Vorsichtshalber war ja der ASEAG-Abschleppwagen dabei –
für
alle Fälle. Aber der Anderthalbdecker sollte ja fahrbereit
sein.

Die
Neugierde stieg mit jedem Kilometer belgischer Autobahn – und
als
nach schier endlos geteerten Feldwegen wieder bewohntes Land in Sicht
war, bogen wir um eine Straßenecke und – da stand
er auf dem
Parkstreifen neben dem Hause des Verkäufers, der ehemalige
Anderthalbdecker KOM 197 der ASEAG.
Es
kamen natürlich sofort Erinnerungen auf, als diese Riesen noch
täglich durch Aachen fuhren. Während meiner gesamten
Lehrzeit bin ich mit diesem Gefährten zur Arbeit und nach
Hause
gefahren.
Sein
Aussehen war zwar farblich total verändert, auch die
ursprüngliche Inneneinrichtung fehlte. Die letzte Nutzung als
Weinprobierstube hatte ihre Spuren hinterlassen. Aber, und das ist
wichtig, ansonsten war er der Alte, mit dem so viele Erinnerungen
verbunden waren und sind. Trotz seines hohen Alters machte er einen
erträglichen Eindruck. Natürlich gehört zu
diesem
Eindruck auch ein besonderes Interesse und das Auge des Betrachters.
Was für andere Schrott bedeutet, ist für einen
Altblechliebhaber die reine Wonne.
Schnell
war nach der Kaufabwicklung Besitz vom alten neuen Bus ergriffen. Der
Motor sprang zur Freude aller Beteiligten sofort an, dann
gab’s
Fremdluft vom Abschleppwagen. Herr Ratz, Werkstattleiter der ASEAG,
ließ es sich nicht nehmen, die
„Errungenschaft“ selbst zu
lenken und nach Hause zu bringen. War das ein Gefühl
– ich
durfte die ganze Zeit mitfahren. Erster Stopp musste die
nächste
Tankstelle sein. Fahrer und Bus gaben sich redlich Mühe, aber
man merkte dem Gefährt die lange Abstellzeit an. Bereits auf
der
Landstraße wurde die Handbremse mehrfach
„scharf“
angezogen, damit die Rauchentwicklung eingedämmt wurde. Unter
geringer (Abgas-)Rauchentwicklung ging es weiter übers Land.
Schließlich war es unumgänglich ins Maastal zu
kommen –
wir hatten ja noch keine Tankstelle gefunden. Eine Fahrt über
die belgische Autobahn war ausgeschlossen, da ja nicht bekannt war,
ob 197 nicht doch liegen bleiben würde.
Auf
dem Weg ins Maastal ging es mächtig steil bergab, die Leute
auf
dem Gehwegen blieben stehen – hatten sie doch wahrscheinlich
noch
nie so ein Ungetüm gesehen, dass mit lauten
Fahrgeräuschen
die Gefällestrecke befuhr. Die Bremsen machten mit. Allerdings
war die Arbeit des Chauffeurs nicht unerheblich. Lenken –
Bremsen –
Hoffen, dass die Bremsen auch weiter hielten. Während der
Fahrt
auf dieser Gefällestrecke entstand der Ausspruch von Herrn
Ratz. „Das
ist wie ein Ritt auf der Kanonenkugel.“
Er hatte natürlich völlig Recht. Er musste sich sehr
auf
seine Chauffeur-Tätigkeit konzentrieren. Es war eine dem
Eindruck nach nie endende Strecke in das Maastal. Aber dann wurde
doch noch eine Tankstelle gefunden.

Die
Fahrt führte weiter, mit eigener Kraft natürlich,
durch das
wunderschöne Maastal. Nach Bewältigung der halben
Strecke
machten sich doch häufiger werdende Probleme mit der Bremse
bemerkbar, die schließlich dazu führten, dass auf
einen
Parkplatz neben der Schnellstraße Richtung Lüttich
Rast
gemacht und die Bremse überprüft werden musste. Nach
einem
ca. einstündigen Parkplatz-Werkstattaufenthalt stand dann
endgültig fest, die Bremse löst sich nicht mehr, die
Bremsleitung musste abgeklemmt werden.

Das hieß mit anderen
Worten, der Abschleppwagen muss her und den Bus 197 für den
Rest
der Überführung nach Kelmis zur Firma S.A.D.A.R.
ziehen.
Gesagt, getan, der Abschlepper wurde vorgespannt. Es ging Richtung
Lüttich. Die Landstraßen mussten weiterhin genutzt
werden.
Nach der spannenden Ortsdurchfahrt durch Lüttich, wo keine
Tunneldurchfahrt ausgelassen wurde, ging die Fahrt weiter über
Visé Richtung Kelmis.
Dieser
Zielort bei der Firma S.A.D.A.R.
wurde gewählt, weil der Wagen erst am Folgetage nach Aachen
auf
das Gelände des ZBH als Überraschung für die
dortigen
Mitarbeiter zum Anlass des Werkstatt-Sommerfestes
überführt
werden sollte.
Wir sind zu früh, die
Würstchen liegen noch nicht auf dem Grill !!!

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Die
Überraschung beim Eintreffen am nächsten Tage in
Aachen war
natürlich groß. Einige Werkstattmitarbeiter
begegneten dem
Bus mit Skepsis, andere waren Feuer und Flamme, wieder einen
„Alten“
in den eigenen Reihen zu wissen. Bei den älteren Mitarbeitern
wurden sofort, wie auch am Vortag bei mir, Erinnerungen wach, sei es
in Form von Werkstattaufenthalten oder, wie der Aachener sagt, von
Amuröllchen. Diese waren natürlich Thema des Tages.

Zuletzt
darf ich sagen, dass solch ein Vorhaben nur möglich ist, wenn
die Mitarbeiter die sich an der gesamten Aktion beteiligen, mit
Freude und Interesse an die Arbeit gehen, d.h., hoch motiviert sind.
Hierbei ist es unerheblich, ob es sich um Arbeiten in der Werkstatt
oder am Schreibtisch handelt.
Danken
möchte ich zum Schluss Herrn Ratz und Frau Heckhoff von der
ASEAG, die es ermöglichten, dass ich an der Fahrt teilnehmen
durfte. Danken möchte ich aber auch den Werkstattmitarbeitern,
denn ohne ihre Arbeit ist die Durchführung eines solchen
Projektes nicht möglich. Der Wagen soll uns alle noch viele
Jahre erfreuen und für Sonderfahrten zur Verfügung
stehen.
Anmerkung
zum Autor von Martina Heckhoff:
Rolf
Lynen ist ein Fan der ASEAG-Historie
und aktiver Helfer zur Erhaltung unseres kleinen ASEAG-Archivs.
Ich lernte ihn vor vielen Jahren kennen, als wir auf der Suche nach
einem Anderthalbdecker waren. Seit dem ist er für mich ein
gern
frequentierter Ansprechpartner für Straßenbahnen und
Busse. Auch sei nicht unerwähnt, dass er eigentlich zur ASEAG-Familie
gehört. Sein Vater war erst Straßenbahn-Schaffner
und dann
Busfahrer bei der ASEAG,
1963 verstarb er unerwartet. Rolf Lynen war damals 11 Jahre alt und
erzählte mir „ seit dem hat mich die Geschichte der
ASEAG
nicht mehr losgelassen“ – vielleicht auch im
Gedenken an seinem
Vater? Auf jeden Fall – Danke
lieber Rolf Lynen. Wir lesen in Zukunft noch gerne von Dir.

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