
Ersatzteilspender aus Wuppertal
Die letzte Fahrt eines alten und treuen Veteranen
Zur größeren Ansicht Bilder anklicken.
Autor: Dieter Lindemann (Getriebespezialist aus unserem Team)

Zum
jetzigen Zeitpunkt der Restaurierung unseres Anderthalbdeckers fiel
uns sehr schnell auf, dass die Beschaffung von Ersatzteilen sich
schwieriger gestalten wird, als wir vermutet haben. Einerseits sind
Teile nicht mehr lieferbar, andererseits müssen Teile unter großer
Anstrengung und Improvisation wieder repariert und hergestellt werden.
Sehr
schnell wurde im Team der Ruf nach einem identischen Ersatzteileträger
laut, um daraus die Ersatzteile für unseren Anderthalbdecker gewinnen
zu können.Der
pure Zufall wollte es, dass Frau Heckhoff, unsere Spezialistin für die
ASEAG-Historie in Aachen, im März 2008 einen Telefonanruf von Herrn
Phillip Möllers (Mitglied der Verkehrshistorischen Arbeitsgemeinschaft
der Wuppertaler Stadtwerke (VhAG) erhielt. Herr Möllers teilte mit, wo
sich ein alter Anderthalbdecker, umgebaut zu einem Wohnmobil, auf einem
Grundstück in Wuppertal befindet und vor sich hin rostet.Nachdem
Frau Heckhoff über Herrn Detlef Kamp (1. Vorsitzender der VhAG) mit dem
Eigentümer des Fahrzeuges Verbindung aufgenommen hatten, machte sich
Frau Heckhoff mit Herrn Ratz (Werkstattleiter der ASEAG) und Herrn Wolf
(KFZ-Meister der ASEAG) am 4. April 2008 auf den Weg, das Fahrzeug in
Wuppertal zu besichtigen. Da das Fahrzeug aus Platzgründen dringend von
Privatgelände entfernt werden musste und wir Interesse daran hatten,
wurde man sich mit dem Eigentümer sehr schnell handelseinig, dieses
Fahrzeug für einen symbolischen Wert von 1 Euro zu kaufen. Bei dieser
Gelegenheit lernten sie auch Herrn Kamp persönlich kennen, der bis
dahin alles in die Wege geleitet hatte.Unter
großer Mithilfe von Herrn Kamp und seinen Leuten von der VhAG Wuppertal
sowie einem ortsansässigen Abschleppunternehmen wurde der alte Büssing
vom Gelände des Eigentümers zum Betriebshof der Wuppertaler Stadtwerke
geschleppt. Dort wurde er von den Wuppertaler-Werkstattkollegen auf den
Bremsenprüfstand gefahren und technisch für die Fahrt nach Aachen
vorbereitet. Unser Ziel war es, den Büssing aus eigener Kraft nach Aachen zu überführen und nicht abzuschleppen.Vorbereitung
Am
Sonntag den 29. Juni 2008 war es dann soweit. Nach Auskunft des
Wetterdienstes sollte es ein sonniger Tag werden, eine gute
Voraussetzung für eine etwas doch riskante Überführungsfahrt mit dem
alten Büssing. Um
4.00 Uhr morgens fuhren Frau Heckhoff, Herr Ratz, Herr Wolf, Herr
Vonhoegen und ich ausgestattet mit einem Werkstattwagen und unserem
Mercedes Actros-Abschleppwagen in Richtung Wuppertal los, um den Büssing
nach Aachen zu holen. Nach ungefähr eineinhalb Stunden Fahrt trafen wir
auf dem Gelände der VhAG Wuppertal ein und waren erstaunt, dass wir um
diese Uhrzeit schon von Herrn Kamp und seinem Sohn empfangen wurden.
Nach einer kurzen und herzlichen Begrüßung machten wir uns daran, den
Büssing für die Fahrt vorzubereiten. Die
Betankung des Büssing erwies sich als etwas schwierig, da die
Tankklappe und das Tankeinfüllrohr um mindestens 30 cm versetzt lagen.
Zur Problemlösung hat ein Gartenschlauch mit Trichter beim Betanken
doch noch zum Erfolg geführt.
Das
nächste Problem war, dass der Motor nicht von alleine anspringen
wollte. Also, Abschleppwagen davor und Anziehen war angesagt. Nach
einigen erfolglosen und bockigen Versuchen schafften wir es doch.
Hustend und spuckend entsann sich der Motor seiner eigentlichen
Aufgabe. Gleichzeitig hat er auch für kurze Zeit fast das gesamte
Gelände der VhAG Wuppertal eingenebelt.
Nachdem
der Büssing im Stand so vor sich hin lief, fanden auch wir Zeit etwas
zu frühstücken. Zum Glück hatte Frau Heckhoff Kaffee und belegte
Brötchen mitgebracht.
Bevor
wir zu unserer Fahrt aufbrachen, wollte Herr Kamp uns noch etwas
Besonderes zeigen, worüber wir uns sehr gefreut haben. Es war eine
wunderschöne Ansammlung von restaurierten und noch nicht restaurierten
alten Bussen und Lkws. Wie im neuen Zustand standen sie in einer eigens
dafür gebauten Halle nebeneinander. Wir sahen z. B. Mercedes O 305,
Büssing Präfekt, Büssing Anderthalbdecker und vieles mehr.Der
Anblick dieser alten Fahrzeuge war einfach nur schön und gab uns noch
mehr Ansporn, unseren Anderthalbdecker dahin zu bringen, wo diese Busse
heute schon sind.
Die Fahrt nach Aachen Mit
der Hoffnung, dass alles ohne große Probleme abläuft, setzte sich gegen
08:30 Uhr die kleine Gruppe von Fahrzeugen in Richtung Aachen in
Bewegung. Nach
der Ausfahrt vom Gelände der VhAG Wuppertal musste der Büssing gleich
die erste Hürde in Form eines steilen Berges überwinden. Zunächst hat
er sich tapfer gehalten, doch in der Hälfte des Berges ist es dann doch
passiert. Der Motor machte schlapp und ging aus. Das Problem für den
Stillstand waren die verstopften Dieselfilter. Da wir keine passenden
Filter dabei hatten, machte Herr Wolf den Vorschlag, die Filter
auszubauen und ohne Filter weiterzufahren. Dies stimmte uns nicht
gerade optimistischer ohne weitere Hindernisse anzukommen. Da der Motor
nicht sofort wieder anspringen wollte, haben wir den Büssing den Rest
Berges mit der Zugmaschine abgeschleppt. Oben angekommen musste der
Motor wieder zum Leben erweckt werden, was nach kurzen Versuchen auch
gelang. Etwas qualmend und stotternd setzte sich der Büssing dann doch
aus eigener Kraft wieder mühsam in Bewegung.Um
endgültig Abschied von dem alten Veteranen zu nehmen begleiteten uns
die Wuppertaler Freunde noch bis zur Autobahnauffahrt, wo auch wir uns
durch ein kurzes Hupkonzert nochmals herzlichst bedankten, um auch
Abschied von ihnen zu nehmen (Zwei Wuppertaler Freunde konnten sich
allerdings von unserem „Blauen“ doch noch nicht trennen, sie
begleiteten uns sozusagen als Presseteam. Als wir sie entdeckten
konnten wir es uns nicht verkneifen, sie ebenfalls abzulichten (siehe
Bilder)).  Bei
den ersten Kilometern auf der Autobahn war uns allen schon etwas mulmig
zumute, wenn man bedenkt, dass die Reifen schon sehr alt und porös
waren, der Motor lange nicht mehr gelaufen war und die Bremsen
vielleicht teilweise festgerostet waren. Aber wir hatten uns für diese
Aktion entschieden und so mussten wir sie durchziehen. Mit zunehmenden
Kilometern hatte man das Gefühl, dass der Motor sich freigelaufen hatte
und der alte Veteran wie in alten Zeiten sein Bestes gab. Anderseits
war auch nicht von der Hand zu weisen, dass Herr Wolf, der den Büssing
steuerte, in seiner dezenten Art alles aus den Büssing rauskitzelte, was
noch drin war. Letztendlich haben wir eine Reisegeschwindigkeit von 70
Km/h erreicht und wir waren alle sehr stolz, wie wacker sich der alte
Veteran auf seiner letzten Reise noch schlägt.Trotz
mehrmaliger Zwischenstopps zur Durchsicht des Büssing hatte das
Schicksal uns doch noch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ungefähr 40
Kilometer vor Aachen, am Autobahnkreuz Wanlo, ging dem alten Büssing,
wie wir erst später feststellten, durch akuten
Kraftstoffmangel die Puste aus.Keiner
von uns hätte jemals damit gerechnet, dass der Motor sich fast 90 Liter
Diesel auf 120 Kilometern einverleibt. Wie es nun mal kommen musste,
war auch keine Tankstelle weit und breit in der Nähe. Nach kurzer
Diskussion haben wir gemeinsam entschieden, den Büssing an den Haken zu
nehmen und die restlichen Kilometer nach Aachen zu schleppen. Die
Sache mit dem Kraftstoffmangel war sehr schade, weil der Büssing mit
Sicherheit die Strecke nach Aachen aus eigener Kraft geschafft hätte -
davon waren wir alle überzeugt. Die
restlichen Kilometer bis Aachen spulten wir dann ohne Probleme ab und
waren doch heilfroh den Betriebshof sicher erreicht zu haben. Auf
dem Betriebshof in Aachen angekommen, bekam der alte Veteran seinen
letzten Standplatz zugewiesen, wo er letztendlich auf das Ende seiner
Tage wartet.
Wenn
man so wie wir an diesem ereignisreichen Sonntag das Aufleben dieses
alten Veteranen miterlebt hat, auch wenn es nur für eine kurze Zeit
war, fällt es sehr schwer sich für immer von ihm zu verabschieden.Als
Letztes möchte ich mich persönlich noch im Namen unseres Restaurierungs-Team aus Aachen, bei Herrn Kamp und seinen
Helfern für die große Unterstützung und Hilfe, die sie uns so
selbstverständlich entgegen gebracht haben, herzlich bedanken.Wir
hoffen, dass unsere Verbindung mit ihnen allen nicht abreißt und wir in
wenigen Jahren mit unserem fertigen Anderthalbdecker ein Treffen
veranstalten können.
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